- Der Bettler, der nicht mehr feilscht
- Drei Wege, die Angst vor dem Fragen zu überwinden
- «Hilf mir, Herr, mit deiner Gnade, sie hervorzubringen» – wenn Tugend zu einer Last wird, die man nicht länger allein tragen kann
- «Schickt mir die Strafen, die euch am angenehmsten sind; ich nehme sie gern an» – die Tortur wurde eher akzeptiert als ertragen.
- «Wenn du meine Werke nicht erwartest, was schlägst du dann vor, o gütigster Herr?» – die Frage, die keine Antwort erwartet.
- Was dieses Gebet in unserer Haltung vor Gott verändert
- Lectio divina
Der Bettler, der nicht mehr feilscht
Ein Mann klopft seit Jahren an eine Tür. Jedes Mal, bevor er klopft, prüft er seine Taschen – hat er genug, um diesmal zu bezahlen? Jedes Mal sind seine Taschen leer, und jedes Mal geht er, ohne zu klopfen. An diese Szene denkt Johannes vom Kreuz, als er dieses kurze Gebet verfasst, vielleicht sein letztes, das traditionell am Ende seiner «Sprüche des Lichts und der Liebe» steht.Wir kennen diese Szene aus eigener Erfahrung. Wir alle haben irgendwann einmal gezögert zu beten, weil wir uns dessen nicht würdig fühlten – als wäre das Gebet eine Art Geschäft, bei dem wir erst einen passenden Fall vorbringen müssten, bevor wir auf eine Antwort hoffen könnten.
Kurz nach seiner Flucht aus dem Gefängnis von Toledo, um 1578, wurde Johannes vom Kreuz geistlicher Leiter der Karmelitinnen von Beas in Südspanien. Aus dieser Funktion entstand eine kleine Sammlung von Aussprüchen, Ratschlägen und kurzen Leitsätzen, die später als «Aussprüche des Lichts und der Liebe» – auf Spanisch «Dichos de luz y amor» – bekannt werden sollten. Es handelt sich dabei nicht um Abhandlungen, sondern um Worte für die Seelen auf ihrem Weg, verdichtet wie Pfeile. Sie enthalten in ihrer Gesamtheit die gesamte Lehre, die Johannes später in seinen Hauptwerken – dem «Aufstieg zum Berg Karmel», der «Dunkelen Nacht der Seele» und dem «Geistlichen Gesang» – weiterentwickeln sollte. Und ganz am Ende dieser Sammlung findet sich das Gebet, das uns hier interessiert, das «Gebet der Seele in Liebe zu Gott».Was an diesem Text sofort auffällt, ist seine direkte Ansprache. Johannes spricht nicht über Gott, sondern zu ihm – und er beginnt mit dem schlimmsten denkbaren Szenario: «O du, mein Herr und mein Gott, der du mich liebst, wenn du meiner Sünden noch gedenkst und mein Gebet nicht erhört hast, so tu mit mir, was dir gefällt, denn ich unterwerfe mich deinem Willen.» Einfacher ausgedrückt: Selbst wenn meine Sünden mir den Weg versperren, gehe ich nicht. Ich bleibe hier, in deinen Händen, was auch immer geschieht. Es ist eine Szene, die wir alle kennen – jener Moment, in dem wir endlich aufhören, vor einem schwierigen Gespräch davonzulaufen, in dem wir uns entscheiden, uns mit jemandem zusammenzusetzen, obwohl wir seine Reaktion fürchten.
Dann folgt ein zweiter, noch erstaunlicherer Satz: «Zeige mir deine Güte und Barmherzigkeit; denn daran erkennen dich die Menschen.» Johannes vom Kreuz bittet nicht nur für sich selbst um Barmherzigkeit. Er bittet darum, weil es die Barmherzigkeit ist – und nicht unsere Tugenden –, durch die andere erkennen, wer Gott ist. Eine fast missionarische Intuition, eingebettet in ein inniges Gebet: Gott offenbart sich der Welt durch das, was er vergibt, nicht durch das, was er fordert.
Drei Wege, die Angst vor dem Fragen zu überwinden
«Hilf mir, Herr, mit deiner Gnade, sie hervorzubringen» – wenn Tugend zu einer Last wird, die man nicht länger allein tragen kann
Johannes vom Kreuz erwägt eine zweite Hypothese. Vielleicht erwartet Gott gute Werke, bevor er seine Bitten erfüllt. Und anstatt sich in ein verzweifeltes Streben nach Perfektion zu stürzen, dreht er den Spieß um: «Hilf mir, Herr, durch deine Gnade, sie hervorzubringen, und vollbringe sie selbst in mir und mit mir.» Das ist keine spirituelle Faulheit. Es ist ein beeindruckendes Bewusstsein unserer eigenen Stärke.
Man stelle sich jemanden vor, der versucht, eine zerbrochene Beziehung mit immer neuen guten Vorsätzen – Bemühungen, Versprechungen, Neuanfängen – zu reparieren und jedes Mal scheitert, erschöpft, weil er glaubt, die gesamte Last allein tragen zu müssen. Johannes vom Kreuz sagt etwas anderes: Das gute Werk, das vor Gott zählt, ist nicht das, was wir aus unserem starren Willen heraus erzwingen, sondern das, was Gott in uns, mit uns, fast unmerklich formt. Es ist ein völliger Perspektivenwechsel – wir müssen nicht länger beweisen, wir arbeiten zusammen.
Diese Intuition durchzieht sein gesamtes Werk. Im Geistlichen Gesang schreibt er, dass die Seele ihren Bräutigam nur findet, indem sie ihren Willen von allem Geschaffenen löst und in tiefe innere Betrachtung eintaucht. Anders gesagt: Man erzwingt die Begegnung nicht durch sichtbare Anstrengungen; man empfängt sie, indem man sich selbst zur Verfügung stellt.
«Schickt mir die Strafen, die euch am angenehmsten sind; ich nehme sie gern an» – die Tortur wurde eher akzeptiert als ertragen.
Dies ist zweifellos der härteste Satz im Text und derjenige, dessen Auslegung größte Vorsicht erfordert. Johannes vom Kreuz sucht das Leiden nicht um seiner selbst willen – das wäre eine völlige Fehlinterpretation seines Denkens. Was er zum Ausdruck bringt, ist vollkommene Offenheit: Wenn ihm Schwierigkeiten widerfahren, damit die Liebe Gottes in ihm wachsen kann, wird er sie nicht von vornherein ablehnen.
Diese Perspektive spiegelt wider, was er in seinem bekanntesten Werk «Die dunkle Nacht der Seele» meisterhaft ausführt. Darin erklärt er, wie die Seele Zeiten durchlebt, in denen Gott zu schweigen scheint, das Gebet versiegt und früherer Trost schwindet. Er wendet sich dann direkt an die Seelen, die diese Dunkelheit durchqueren: «O ihr geistigen Seelen! Beklagt euch nicht darüber, dass eure Kräfte der Qual der Finsternis ausgeliefert sind, eure Gefühle unfruchtbar und gelähmt, eure Fähigkeiten unfähig, das innere Leben zu gestalten.» Und er fügt diesen entscheidenden Schlüssel zum Verständnis hinzu: „Indem der Herr euch eure unvollkommene Handlungsweise nimmt, erlöst er euch von euch selbst.“
Dies erlebte Johannes vom Kreuz, er malte es sich nicht nur aus. Er ertrug das Verlies von Toledo – neun Monate Gefangenschaft, Kälte und Demütigung –, bevor ihm eines Nachts im August 1578 die Flucht durch ein Fenster entlang einer Mauer gelang, geleitet, wie er selbst berichtete, von einem inneren Licht, das keine Lampe spenden konnte. Diese konkrete Erfahrung der Nacht – der wirklichen Nacht, der Nacht der Steine und der Stille – wurde für ihn zum Sinnbild aller geistigen Nacht: ein notwendiger Übergang, niemals eine sinnlose Strafe, stets auf den Anbruch des Tages ausgerichtet.
Eine Gestalt aus der Wüste bestätigte diese Intuition schon Jahrhunderte vor Johannes vom Kreuz. In den Sprüchen der Wüstenväter lehrt Abba Moses, dass man «alles lernt, indem man in seiner Zelle sitzt» – nicht indem man vor Schwierigkeiten flieht, sondern durch geduldiges Ausharren inmitten dessen, was uns schwer bedrückt. Abba Moses’ Zelle und Johannes vom Kreuz’ Nacht drücken denselben Gedanken auf zwei unterschiedliche Weisen aus: Was wir vermeiden möchten, ist oft genau der Ort, an dem Gott am tiefgreifendsten wirkt.«Wenn du meine Werke nicht erwartest, was schlägst du dann vor, o gütigster Herr?» – die Frage, die keine Antwort erwartet.
Dieser Satz hat etwas beinahe Kindliches, und genau darin liegt seine Stärke. Johannes vom Kreuz erhebt nicht den Anspruch, Gottes Absichten verstanden zu haben. Er stellt die Frage direkt – warum zögerst du? – ohne eine sofortige Antwort zu fordern, ohne zornig zu werden oder zu verzweifeln. Er verharrt in der Frage, steht vor dem Geheimnis, ohne es zu umgehen.
Es ist eine Szene, die vielen bekannt vorkommt: ein Gebet, das scheinbar ungehört verhallt, eine Situation, die sich endlos hinzieht, ein Warten, das kein Ende nimmt. Die häufigste Versuchung ist dann, zu schlussfolgern: Gott hört mir nicht zu, oder schlimmer noch: Gott existiert gar nicht für mich. Johannes vom Kreuz wählt einen dritten Weg: Er stellt Fragen, ohne zu urteilen, er bleibt präsent, ohne eine Erklärung zu fordern.
Diese Art, die Frage offen zu halten, findet ein Echo bei Augustinus in seinen Bekenntnissen: «Du hast uns für dich geschaffen, Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.» Augustinus erhebt, wie Johannes vom Kreuz viel später, nicht den Anspruch, das Geheimnis Gottes vollständig ergründet zu haben – er stellt lediglich fest, dass das menschliche Herz nur dort Ruhe findet, und er bekräftigt dies aus seiner inneren Unruhe heraus, nicht aus einer erworbenen Gewissheit.

Was dieses Gebet in unserer Haltung vor Gott verändert
Was uns Johannes vom Kreuz am Ende dieses kurzen Gebets anbietet, ist keine Methode, sondern eine Haltung. Aufhören, vor dem Gebet unsere Taschen zu durchsuchen. Aufhören zu glauben, dass die Qualität unseres Gebets von der Qualität unseres Lebens abhängt – als ob Gott Buch führen und nur denen die Tür öffnen würde, die finanziell abgesichert sind. Der letzte Satz des Textes bringt es auf den Punkt: «Ohne dich kann ich nichts tun.» Das ist kein Eingeständnis der Niederlage. Es ist die Voraussetzung dafür, dass endlich etwas Echtes zwischen uns und Gott geschieht.
Dieses Gebet, das der spirituellen Tradition des Johannes vom Kreuz folgt, fand überraschend weite Verbreitung – weit über die Kreise der Karmeliten hinaus. Jahrhunderte später prägte es den Kleinen Weg der heiligen Therese vom Kinde Jesu, die sich direkt auf die Gedichte der Heiligen bezog, um ihre eigene freiwillige Armut auszudrücken, anstatt ihre vermeintlichen Verdienste hervorzuheben. Der rote Faden, der diese beiden Stimmen der Karmeliten verbindet, liegt in einer einzigen Überzeugung: Gott ist nicht käuflich, er lässt sich lieben, und diese Liebe beginnt stets mit unserer Bereitschaft zu empfangen, bevor wir sie uns verdienen können.Dieses Gebet zu betrachten bedeutet, eine andere Haltung gegenüber dem Leben selbst zu lernen – nicht länger als Schuldner, der den Fälligkeitstermin fürchtet, sondern als jemand, der aufgehört hat zu rechnen. Das entbindet uns von nichts: weder von Anstrengung noch von Umkehr noch von geduldiger Selbstreflexion. Aber es verschiebt den Ausgangspunkt. Wir beginnen nicht länger mit der Angst, nicht genug zu sein. Wir beginnen mit der unerschütterlichen und friedvollen Gewissheit, dass Gottes Güte unseren Verdiensten stets vorausgeht – und dass genau dies Gnade ist.
Johannes vom Kreuz starb 1591 in Úbeda, am Ende eines Lebens, das von Prüfungen ebenso wie von Ekstasen geprägt war, und blieb bis zum Schluss diesem vertrauensvollen Gehorsam treu. Sein letztes Gebet, wie das eben gelesene, versucht nicht, Gott zu überzeugen. Er steht einfach mit offenen Händen vor ihm: «Ohne dich kann ich nichts tun.»
Lectio divina
«"Bitte nehmt diese kleinen Werke an und gewährt mir dieses Geschenk, wenn es euch gefällt."»
Und du, wann hast du aufgehört zu klopfen, weil du dachtest, deine Hände seien zu leer? Was überprüfst du vor dem Beten, als gäbe es eine Eintrittsgebühr? Wenn Gott weder Verdienste noch Beweise von dir erwartet, was bliebe dann von deinem Gebet übrig – die Bitte selbst oder einfach nur die Tatsache, dass du da bist?
Herr, ich komme mit offenen Händen, ohne etwas darzubringen. Du kennst meine Sünden besser als ich, und doch bleibst du. Wirke in mir, was ich allein nicht vermögen kann. Sende, was nötig ist, entziehe, was nötig ist – ich entscheide nicht mehr. Ich übergebe mich dir, wie man sich von Wassern tragen lässt, die größer sind als man selbst. Ohne dich kann ich nichts tun.
Eine offene Hand, regungslos, in der Stille einer Nacht, die bereits zu verblassen beginnt.
VON
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